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Sonntag, 4. Dezember 2016

Der Kuchen ist für alle da


Ich habe nicht vergessen woher ich komme. Ich habe nicht vergessen wer ich mal war. Und ich werde nie vergessen, wie viel Angst ich damals hatte, als ich die Grenze meines Landes zum ersten Mal hinter mir liess.

Vor fast 42 Jahren kam ich in die Schweiz. Belgrad – Zürich, einfach. Es ist nicht besonders schwer Fuss zu fassen, wenn man jung und hübsch ist, hohe Absätze trägt und viel Bauch zeigt. Eine angeborene Redseligkeit kommt auch gut an. Trotz Schwarzenbach Initiative fühlte ich mich in diesem Land von Anfang an willkommen. Den Fremdenhass lernte ich nicht kennen. Ich spürte eher eine Distanz, mit der mir die Schweizer anfänglich begegneten, die mich aber nicht störte. Die Schweizer waren mir ebenso gleichgültig wie ich ihnen auch.

Heute, bei meinem Spaziergang mit dem Hund, sah ich einen unbekannten Mann. Er stand auf einer kleinen Anhöhe am Dorfrand und sah in die Ferne. Seine Hautfarbe und sein Aussehen verrieten einen Asylsuchenden. Seit einiger Zeit leben sie in unserem Dorf, aber ich habe noch nie einen von ihnen gesehen. Mit einer sichtbaren Portion Distanz näherte ich mich dem fremden Mann. Meinen Hund rufe ich bei Fuss, Ausländer haben Angst vor Hunden, habe ich gehört. Als wir nur noch einige Schritte von ihm entfernt waren, drehte er sich um. Noch nie bin ich einem so offenen, fröhlichen Blick am Sonntagmorgen auf meinem Spaziergang begegnet.

„Guten Morgen!“, sagte er. Ein breites Lächeln begleitete seine Worte. Da hat die Integrationsbehörde einen guten Job gemacht, dachte ich und grüsste freundlich zurück.

Einige Schritte weiter schaute ich zurück. Er blickte wieder in die Ferne. Ich erinnerte mich plötzlich an meine Anfänge in der Schweiz. Wie oft habe ich in die Ferne geschaut und an meine Heimat gedacht! Obwohl ich sie freiwillig verlassen hatte, vermisst habe ich sie ständig. Vielleicht ist dieser junge Mann auch freiwillig gegangen. Vielleicht war er gar nicht bedroht. Vielleicht ist er ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling. Wer weisst das schon? Ich kann das nicht beurteilen. Was ich kann, ist ein Mensch ohne Vorurteile zu sein. Ein Mensch der denken kann. Und ganz ehrlich: Würden wir nicht auch versuchen unser Glück zu finden, wenn wir nicht in der glücklichen Lage wären, in einem reichen Land zu Hause zu sein?

Deshalb liebe Freunde, seid nicht über die Asylsuchenden verärgert. Sie sind nicht eure Feinde. Sie versuchen nur das Beste aus dem Leben, das ihnen zugeteilt ist, zu machen. Sie sind nicht schuld, dass der Wohlstand auf unserem Planeten ungerecht verteilt ist. Der Wohlstand ist wie ein riesengrosser Kuchen auf den jeder den gleichen Anspruch hat.  Doch sobald sich jemand ein grösseres Stück abschneidet, bleibt für einen anderen weniger, oder gar nichts übrig.

Deshalb liebe Milliardäre, Diktatoren und sonst Mächtige dieser Welt, denkt daran, der Wohlstands-Kuchen ist für alle da! Bevor ihr euch ein riesengrosses Stück, an dem ihr fast erstickt, in den Hals stopft, lasst den anderen auch etwas übrig. Der Kuchen gehört nicht nur euch. Wenn jeder auf dieser Welt das bekäme was ihm zusteht, müsste man keine Zäune errichten, keine Asylzentren bauen, keine Steuergelder vergeuden.

In diesem Sinne, Frohe Festtage!
 
 

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